Tamsjadi & Schmidt

Sinta Tamsjadi und Thomas Schmidt sind Fotografen und Motiv zugleich, denn das Künstlerduo fotografiert sich selbst – freilich nicht im Stile eines klassischen Selbstportraits, sondern vielmehr mit der Absicht, in ihren eigenen Werken als Personen in den Hintergrund zu treten, sich im Gesamtbild aufzulösen und Teil der Repräsentation einer übergreifenden, umfassenden Idee zu werden. Die Kamera lösen sie dabei manuell über eine Fernbedienung aus, sodass sie den Zeitpunkt der Aufnahme bestimmen, ohne jedoch das Ergebnis vollständig vorhersehen zu können. Auf diese Weise spüren sie in ihren Arbeiten existenziellen Fragen nach, wenn etwa in den Fotoserien Erde und Asche ihre Körper gerade mit jenen Urmaterialien verschmelzen, aus denen wir als Menschen hervor- und in unserer Vergänglichkeit auch wieder in die Ewigkeit übergehen. Geburt und Tod – die unentrinnbaren Anfangs- und Endpunkte jeden Lebens. Ob wir dies in Demut annehmen oder die Götter für unser tragisches Schicksal anklagen – ändern können wir es nicht. Umso dringlicher – und wie es scheint heute mehr denn je –streben wir für die Zeit dazwischen nach umfassender Kontrolle über möglichst jeden Aspekt unseres Lebens. Doch was passiert, wenn wir ebendiese Kontrolle verlieren, und sei es nur für einen kurzen Moment? Tamsjadi und Schmidt haben es ausprobiert und sich gemeinsam fallen lassen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes und aus mehreren Metern Höhe – und den Moment des höchsten Kontrollverlustes in der Fotoserie Fallen festgehalten. Auch hier lösten sie die Kamera während des Fallens per Fernbedienung aus, mit unkontrollierten Ergebnissen, die sich dem Künstlerduo erst nachträglich offenbarten.

Die Bilder von Tamsjadi und Schmidt zeigen basale, zum Teil archaisch anmutende Szenerien, die von den Künstlern in einem langen Prozess konzipiert und mit großem Aufwand gezielt arrangiert werden. Obwohl reine Fotografie, wirken die Arbeiten mitunter wie gemalt. Mit einem kontrastreich ausgeleuchteten Geschehen im Bildzentrum, das von einem tiefdunklen oder sich ins Unbestimmte auflösenden Hintergrund umrahmt wird, erinnern sie in der Bildkomposition an die Naturdarstellungen alter Meister. Wenn die beiden Künstler in ihren Arrangements unbekleidet in einer Wolke aus Staub und Asche tanzen oder vollkommen mit Erde bedeckt wie Waldkreaturen mit dem Erdreich verschmelzen, mag das urzeitlich oder im scheinbaren Gegensatz postapokalyptisch anmuten, in jedem Fall aber haben die Arbeiten stets eine mystische Dimension und erzählen Geschichten von panmondialen Ausmaßen, die der Betrachter jedoch selbst ersinnen muss, denn die Darstellungen legen lediglich eine Spur und laden dazu ein, dieser zu folgen, um die Motive zu dechiffrieren.

Sinta Tamsjadi lebt heute in Berlin, Thomas Schmidt in Hamburg, und gemeinsam arbeiten sie seit 2014 als Künstlerduo zusammen. Beide haben in Hamburg studiert – Tamsjadi Schauspiel, Schmitt Fotodesign. Seit 1990 arbeitet Schmitt als freier Fotograf und Künstler, Tamsjadi am Theater und Film mit Schauspiel, Drehbuch und Regie. Die Arbeiten des Künstlerduos wurden bereits in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und Italien gezeigt.

(Foto: Jo Magrean)

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