Emilie Cognard

Emilie Cognard arbeitet mit Tusche, Wasser und Papier und erschafft mit diesen einfachen Mitteln hochkomplexe Zeichnungen von ausgeprägter Tiefe.  Mit ihren Arbeiten hinterfragt sie den Begriff der Leere, noch mehr aber unseren genormten Blick auf die Welt. Das Ergebnis sind ausgesprochen feine Kompositionen, hochkonzentriert, fließend, amorph, von hoher Dynamik und doch fast kontemplativ. Den Ausgangspunkt ihrer informellen, abstrakten Arbeiten bildet dabei stets die Leere selbst, repräsentiert durch ein leeres Blatt Papier. In unserer übersättigten Welt, die stets bemüht scheint, jede Ressource zu verwerten und jede Stille zu bespielen, kommt ein leeres Blatt fast schon einer Provokation gleich, für Cognard hingegen ist es ein Fenster in eine verborgene Welt unzähliger Möglichkeiten, die sie erforschen, aufdecken und sichtbar machen möchte.

Die Arbeiten bleiben bis zum Schluss abstrakt, stellen nichts dar, folgen einer intuitiven Idee. Und doch sind sie ebenso konkret wie das geschriebene Wort. Ohne Kontext ist auch jeder Buchstabe nur die Abbildung eines abstrakten Zeichens, ein Sinn erwächst erst aus der Konvention über die Deutung. Cognard greift in ihren Arbeiten nicht auf vorhandene Strukturen, Zeichen und Elemente zurück, sie erschafft sich ihre Bildmittel selbst, arbeitet sich ausgehend von dem einzelnen Strich tastend sehend immer weiter vor. Zeichnen und Schreiben sind für sie eins, verschmelzen zu derselben Handlung, was bleibt, sind Spuren, die sich auf vielfältige Weise lesen lassen, eine Arbeitsweise ganz in Übereinstimmung mit den Betrachtungen zur Malerei von Derrida. So trägt ihre erste Werkserie, in der sie diesem Gedanken folgt, den Titel Graphein, ein Verb, das im griechischen gleichermaßen für Schreiben und Zeichnen steht und bei Derrida zum Grundelement der Bildgestaltung wird.

Emilie Cognard, 1983 in Frankreich geboren, studierte in Paris Kunst, Szenografie und Architektur. Auf allen drei Feldern ist die heute in Berlin lebende Künstlerin auch tätig, wobei die Grenzen in ihrer Arbeit verschwimmen, sie sich, ganz gleich, welcher Disziplin sie gerade folgt, stets von den gleichen Fragen leiten lässt. Die leere Bühne ist für sie ebenso ein Möglichkeitsraum, den es zu erforschen und bespielen gilt, wie das leere Blatt Papier, die Stille zu Beginn der Theateraufführung ein Fenster, das einlädt, die Interpretation eines Stückes zur Aufführung zu bringen. Immer wieder sucht und schafft sie Räume der Leere als Füllhorn opulenter Möglichkeiten. Für sie ist dies ganz wesentlich der Versuch, »das Rätsel des Schweigens zu lösen«, das bereits ihre Kindheit geprägt hat. Intuitiv suchte sie eine Handhabung, die Leere als Reichtum an Möglichkeiten zu erkennen, das Unausgesprochene zu verstehen.

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Emilie Cognard works with ink, water and paper, using these simple means to create highly complex drawings of marked depth.  With her works she questions the concept of emptiness; even more so, she questions our homogenized outlook on the world. The results are exceptionally fine compositions that are highly concentrated, flowing, amorphous, highly dynamic and yet almost contemplative. The starting point of her informal abstract works is always the emptiness itself, represented by a blank sheet of paper. In our oversaturated world, which seems always to strive to exploit every resource and play on every silence, a blank sheet of paper is almost tantamount to a provocation. For Cognard, in contrast, it is a window into a hidden world of countless possibilities that she wants to explore, uncover, and render visible.

The works remain abstract until the end, do not represent anything, and merely follow an intuitive idea. And yet they are just as concrete as the written word. Without context, each letter is also only the image of an abstract sign, and any meaning arises only from the convention about the interpretation. Cognard does not draw upon existing structures, signs, and elements in her works; she creates her own pictorial means, working her way forward from the single stroke, tentatively looking. Drawing and writing are one for her: merging into the same action, they leave traces that can be read in many ways – a way of working quite in line with Derrida’s reflections on painting. And so her first series of works, in which she pursues this idea, bears the title Graphein, a verb in Greek that stands equally for writing and drawing and that in Derrida’s work becomes the basic element of pictorial design.

Emilie Cognard, born in France in 1983, studied art, scenography and architecture in Paris. Now living in Berlin, the artist is also active in all three fields, whose boundaries blur in her work. Still, no matter which discipline she is following, she is always drawn on by the same questions. For her, the empty stage is just as much a realm of possibilities to be explored and played with as the blank sheet of paper; the silence at the beginning of a theater performance, a window that invites an interpretation of a play to be performed. Again and again she seeks out and creates spaces of emptiness as a cornucopia of opulent possibilities. For her, this is essentially an attempt to “solve the riddle of silence” that already marked her childhood. Intuitively she sought a technique to recognize the void as a wealth of possibilities, to grasp the unspoken.

»Eine weiße Seite ist für mich nicht leblos und leer, sondern die Möglichkeit, in eine sonst nicht sichtbare Welt einzutauchen, sie zum Vorschein zu bringen.«

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