Luise von Rohden

Auf den ersten Blick erscheinen die abstrakten Tuschezeichnungen der Künstlerin Luise von Rohden wie geschlossene Systeme, die einem bestimmten Rhythmus und einer spezifischen Ordnung folgen. Linien, die meist nur eine Ausrichtung, Größe und einen Grauwert haben, lassen auf die eine oder andere Weise Spuren einer Bewegung erahnen. Beim genaueren Betrachten wird die Variation in der Bewegung erkennbar, mit der von Rohden in ihrem künstlerischen Schaffensprozess das Zusammenspiel von Form, Pinselführung und Farbauftrag untersucht und so den Anschein des Identischen hinterfragt.

Die Zeichnungen sind mitunter durch Phänomene aus der Natur oder auch durch alltägliche Strukturen, Stofflichkeiten oder Klänge inspiriert. So wird beispielsweise das Formenspiel von Wellen auf der Wasseroberfläche zum Ausgangspunkt für eine abstrakte Darstellung, indem die Künstlerin das System aus Wellen, Linien und Reflexion aus seinem Bedeutungskontext herauslöst und in reduzierter Form isoliert abbildet. Dieses System unterliegt beim Zeichnen selbst einem Prozess aus Versuch, Bewertung, Verwerfen und erneutem Versuch und wird so stetig weiterentwickelt, präzisiert, durch Wiederholung eingeübt und mündet schließlich in evolutorischer Variation. Als Ergebnis des seriellen Vorgehens entstehen Bildreihen, die die Komplexität des scheinbar Einfachen offenbaren. Jede Zeichnung ist anders – arbeitet mit bewussten oder unbewussten Modifikationen. Leichte Variationen im Strich und in der Pinselführung, das unterschiedlich lasierende Grau der Tusche oder die stets individuellen Anfänge und Abschlüsse lassen die Flächen lebendig werden und erzeugen beim Betrachter überraschende optische Effekte, die eine Vorstellung von flimmernder Bewegung erzeugen. »Das Bild wächst, wo es gelingt, über das bloße System hinaus. Ein perfekt ausgeführtes System würde mich nicht interessieren. Mir geht es im Wiederholen nicht um das vollkommen Identische, sondern gerade um die Variationen eines stets Ähnlichen.« So spielt die Künstlerin mit handwerklichem Können und Präzision auf eine ganz eigene und faszinierende Weise mit unserem Blick. Die durch vermeintlich einfache Reihung von ähnlichen Linien entstandenen Flächen scheinen sich in etwas Anderes zu verwandeln, mit wesenhaftem oder landschaftlichem Charakter, eben in ein Bild.

Die 1990 in Gotha geborene von Rohden studierte von 2009 bis 2015 Kunst und Kunstpädagogik bei Prof. Una H. Moehrke an der Burg Giebichenstein in Halle. 2013/14 ging sie für einen Studienaufenthalt an der Academy of Fine Arts Tianjin nach China, wo sie sich intensiv mit der traditionellen chinesischen Tuschemalerei auseinandersetzte und wichtige Impulse für ihr künstlerisches Schaffen und Handwerk erhielt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Halle. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit unterrichtet von Rohden an der Burg Giebichenstein als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachbereich Kunstpädagogik. Ihre Arbeiten waren bereits in Einzelausstellungen und auf internationalen Messen zu sehen.

»Das Bild wächst, wo es gelingt, über das bloße System hinaus. Ein perfekt ausgeführtes System würde mich nicht interessieren. Mir geht es im Wiederholen nicht um das vollkommen Identische, sondern gerade um die Variationen eines stets Ähnlichen.«

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